Denkanstoß: Kein Derby.

Anfang der 1970er Jahre unternahm mein jugendlicher Vater seine ersten Schritte als Fan auf den Traversen des Stadion am Zoo. Der Wuppertaler SV blickte zwar auf eine junge, aber durchaus erfolgreiche Historie zurück. Wie mein Vater dankten es ihm die Wuppertaler mit ihrem regelmäßigen Stadionbesuch, der in Zuschauerzahlen resultierte von denen selbsternannte „Spitzenfußball“-Vereine in 30 KM Luftlinie noch heute träumen.
Man spielte überwiegend erfolgreich in der damaligen zweithöchsten Spielklasse der Regionalliga West. Die Gegner hießen Fortuna Düsseldorf, Alemannia Aachen, Preußen Münster oder Rot-Weiss Essen. Daher war es schon damals möglich und üblich seinem Verein in die anderen Stadien zu folgen. So tat es mein Vater mit seinen Freunden und zahlreiche anderen Jugendliche. In der Spielzeit 1971/72 lieferten sich über 34 Spieltage der WSV und einer der regionalen Widersacher, nämlich Rot-Weiss Essen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, um die Meisterschaft und damit die Möglichkeit in die Bundesliga aufzusteigen. Die Essener waren schon einmal Deutscher Meister gewesen, dennoch gelang es der jungen Wuppertaler Mannschaft am Ende den Platz an der Sonne zu verteidigen. Entscheidenden Anteil am Erfolg der Buhtz-Mannschaft hatte ein gewisser Günter Pröpper. Dieser hatte zuvor auch an der Hafenstraße gewirkt (sein dortiger Trainer: der Wuppertaler Erich Ribbeck), war aber aus dem Kohlenpott an das Ufer der Wupper gelotst worden. Nun war es also der „Meister“, der an neuer Wirkungsstätte mit seinen Toren das Tor zur Bundesliga öffnete und die Massen bewegte.
Schon nach wenigen Spieltagen thronte der Sportverein an der Tabellenspitze verfolgt vom ärgsten Widersacher aus Essen. Am 13. Spieltag gastierte der WSV an der Hafenstraße. 28.000 Zuschauer, darunter zahlreiche Wuppertaler, kamen ins Georg-Melches-Stadion in Erwartung des Spitzenspiels. Was an diesem Spieltag geschah, damit hatten jedoch selbst ausgewiesene Kenner des Fußballsports nicht gerechnet. Tor um Tor fiel für die Elf von Trainer Buhtz. Am Ende siegte der WSV mit 0:5 gegen den ärgsten Widersacher. Ein ums andere Mal gelang es den WSV-Schlachtenbummlern durch Sprechchöre auf Günter „Meister“ Pröpper die Essener zu provozieren. Das Rückspiel endete vor unvorstellbaren 38.000 Zuschauern torlos. Neben der Meisterschaft in der Regionalliga West, dem rekordverdächtigen Marsch durch die anschließende Aufstiegsrunde (8 Spiele, 8 Siege, 26:5 Tore) entstand in diesem Jahr auch das Derby zwischen dem Wuppertaler SV und Rot-Weiss Essen. In der Personalie „Meister“ Pröpper, dessen Toren zum folgenden Aufstieg des WSV und dem damit verbundenen Ligaverbleib der Essener, liegen die Wurzeln für die Brisanz in den Spielen zwischen unserem Sportverein und den Bergbauern.
Immer wieder kreuzten sich auch in der Folge die Wege der beiden Traditionsvereine auf unterschiedlichem Liganiveau, doch stets lag dieses gewisse Etwas in der Luft, sowohl auf dem Platz als auf den Rängen. Auf rot-blauer Seite erinnert man sich anlässlich des Derbys nur zu gerne an die Spielzeit 1971/72 und den Kantersieg an der Hafenstraße. Zum Beispiel in der 2. Bundesliga 1993/94 als beide um den Klassenerhalt kämpften, jedoch letztlich gemeinsam abstiegen. Hin- und Rückspiel endeten 0:0 vor 15.000 Zuschauern im Stadion am Zoo und 8.000 im Georg-Melches-Stadion. Einen Eindruck von der Intensität dieser Partien geben sowohl die respektablen Zuschauerzahlen als auch die insgesamt 12 gelben und 2 roten Karten für die Mannschaften.

Für die meisten Leser wesentlich präsenter als der bisherige Exkurs dürften das Traumsolo von der Mittellinie eines gewissen Jean-Louis Tavarez oder die intensiven Pokalbegegnungen mit bekanntem Ausgang der 00er Jahre sein. Der letzte Nadelstich hingegen ging noch einmal an Rot und Blau. Mitten im Kampf gegen den alten Präses und für den Neuanfang reiste der WSV ins neue Stadion in Essen. Trotz der vereinsinternen Unruhe machte sich wieder zahlreiche Jugendliche auf den Weg in die Stadt des Gegners. Einer größtenteils morallosen Mannschaft gelang am 36. Spieltag ein 1:2-Sieg. Im Vorfeld hatte niemand damit gerechnet, denn allen war bewusst, dass sich die Spieler innerlich schon verabschiedet hatten und das Augenmerk eigentlich auf der bevorstehenden Jahreshauptversammlung lag. Trotzdem war der Sieg Balsam auf die Seele der WSV-Fans und außerdem ein neues Kapitel in der 30jährigen Derbytradition. Mittlerweile hat man sich dank unterschiedlichen Werdegang etwas aus den Augen verloren, doch wenn es wieder heißt WSV – RWE, dann werden sowohl im Wuppertaler als auch im Essener Lager Großväter, Väter und Söhne ihre Anekdoten auspacken, von geklauten Schals, Bengalen, Toren, „Meister“ Pröpper, Tava und Siegen und Niederlagen. Weil es ein Derby ist.

Wenn dann anlässlich der heutigen Begegnung von Vereins- und Medienseite die Rede vom „Bergischen Derby“ bzw. „Lokalderby“ gegen Velbert ist, dann wird mir schlecht. Aber ich will bei den Fakten bleiben: die SSVg Velbert 1902 gibt es seit 1964. Der Verein entstand aus einer Fusion und schwang sich alsbald zu ungeahnten Höhen auf. 1969 erreichte man die Regionalliga West und durfte auch mal gegen das unumstrittene Aushängeschild der Region antreten. Im Hinspiel am 21. September 1969 unterlag man daheim mit 1:3 gegen den WSV. Das Rückspiel nach der Winterpause stellte die Kräfteverhältnis noch etwas deutlicher dar. Am 18.01.1970 endeten die 90. Minuten mit einem ungefährdeten 4:0-Heimsieg im Stadion am Zoo. Nicht nur auf Grund dieser beider Niederlagen stiegen die Velberter am Ende auch als Vorletzter ab, während der WSV hinter dem VfL Bochum und Arminia Bielefeld und vor Fortuna Düsseldorf auf Platz 3 seine zukünftige Entwicklung andeutete.

Danach folgte ein schleichender, obgleich steter sportlicher Abstieg der Velberter, der 1991 in der Bezirksliga endete. Doch wie vielerorts fanden sich auch in der Vorstadt einige unbelehrbare Mittelstandsfirmenchefs, die vom großen Fußball träumten und genug hatten von Pferdezucht oder Urlaub an der französischen Mittelmeerküste, weshalb sie ihr Geld in die SSVg steckten. Lohn dieser Mühe war der Aufstieg bis in die Oberliga im Jahr 2000. Dort begegnete man dann wieder dem Sportverein, der dank diverser Abstiege ebenfalls in den Niederungen des Amateurfußballs weilt(e). Am Ende der Saison verfehlte der WSV auch wegen zweier Remis gegen die Velberter den Aufstieg in die Regionalliga.

Vor der aktuellen Oberliga-Saison traf man zuletzt in der Regionalliga West in der Spielzeit 2012/2013 aufeinander. Lediglich eine Woche nach dem Derbysieg in Essen unterlag man im heimischen Stadion am Zoo mit 2:3. Wobei die damalige Mannschaft sich bereits in Auflösung befand, angesichts des „Bergischen Frühlings“ und seiner Konsequenzen. Lediglich 1.266 Zuschauer verloren sich zu diesem Kick ins Stadion. Gerne würde ich Euch das ein oder andere Döneken zu einer der genannten Partien nennen, aber es gibt schlicht keine. Bei den Auswärtspartien in Velbert zur Jahrtausendwende durfte sich regelmäßig die örtliche Naziszene Backenfutter holen und es wurde das ein oder andere Kilo Rauch in die Luft gejagt, wobei sich das nicht großartig von anderen Partien dieser Zeit unterschied. Bei ihren Gastauftritten im Stadion am Zoo blieb in der Vergangenheit der Gästeblock direkt geschlossen, was wohl auch diesmal der Fall sein wird. Wer jetzt denkt, dass das Rungesche Engagement beim SSVg zumindest etwas Derbyqualitäten serviert, der irrt gewaltig. Würde man aufgrund dieser Personalie dem Spiel die gehobene Bedeutung eines Derby beimessen, streichelt man erstens nur das ohnehin maßlose Ego des ehemaligen Mäzen und missachtet man zweitens den Wert eines echten Derbys und seiner Historie in der aus einer regionalen Rivalität eine jahrzehntelange Feindschaft auf Derbyniveau erwuchs.

Es gibt also hinsichtlich des Aufeinandertreffens zwischen dem Wuppertaler SV und der SSVg Velbert, abgesehen von der räumlichen Nähe, keinerlei Grundzutaten für ein Derby. Weder besondere Spieleranekdoten, legendäre Begegnungen, wichtige Siege oder eine relevante Fanszene. Also lasst mich bloß in Ruhe mit dem Quatsch vom „Bergischen Derby“! Sicherlich verspürt man eine gewisse Genugtuung, wenn man dem neuen Spielzeug von EMKA eins auswischt, aber mehr auch nicht. Oder habt ihr schon seit Tagen nicht geschlafen, weil ihr Stadionwache hattet, weil ihr versucht habt auf des Gegners Territorium einen Nadelstich zu setzen, weil ihr heiß darauf seid, den Gegner auf allen Bereichen zu schlagen und zu demütigen? Also ich nicht. Gegen Velbert oder Sonsbeck oder Nievenheim, das ist unter dem Strich alles unter dem Anspruch und Niveau, das einem Wuppertaler Sportverein und uns seinen Ultras und Fans gerecht wird.

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